Unterhaltsames




Der Vollstrecker-Blues


Der Vollstrecker-Blues veröffentlicht am 30.6.13
Live aus der Musicbar Piano, Dortmund
Text & Melodie von Karl Ratschmann



Eine Geschichte vom Bauern

Ein Bauer, der in einem kleinen abgelegenen Dorf lebte, stellte eines Tages fest, dass seine Kuh nicht mehr auf ihrer Weide war.
Als er nach ihr suchte, traf er seinen Nachbarn, der ihn fragte, wohin er ginge.
Als er ihm sagte, dass seine Kuh nicht mehr da sei, schüttelte der Nachbar den Kopf und sagte: "Das ist wirklich Pech!"
"Glück, Pech, ... wer kann das wissen?" antwortete der Bauer und ging weiter.
Schließlich fand er seine Kuh in den Hügeln hinter den bebauten Feldern.
Sie graste friedlich neben einem wunderschönen Pferd, und als der Bauer seine Kuh nach Hause führte, kam das Pferd hinterher.
Am nächsten Tag kam der Nachbar, um sich nach der Kuh zu erkundigen.
Er sah sie auf der Weide neben dem edlen Pferd grasen, und der Bauer berichtete auf seine Frage, dass das Pferd der Kuh einfach so gefolgt sei.
"Was für ein Glück!" meinte der Nachbar.
"Glück, Pech, ... wer kann das wissen?" antwortete der Bauer und machte sich wieder an die Arbeit .
Am nächsten Tag kam der Sohn des Bauern, der Soldat war, nach Hause.
Er versuchte sofort, das schöne Pferd zu reiten, wurde aber abgeworfen und brach sich ein Bein.
Der Nachbarkam auf seinem Weg zum Markt vorbei und sah den jungen Mann mit seinem verbundenen Bein.
Der Vater arbeitete in der Nähe in seinem Gemüsegarten.
Der Nachbar fragte, was geschehen sei, und als er hörte, wie es zu der Verletzung gekommen war, meinte er: " So ein Pech!".
"Glück, Pech, ... wer kann das wissen?" antwortete der Bauer und wandte sich wieder seiner Gartenarbeit zu.
Am nächsten Tag kam die Einheit des jungen Soldaten die Straße hinunter marschiert.
Der Krieg war ausgebrochen, und sie mussten an die Front.
Der Sohn mit dem gebrochenen Bein musste zu Hause bleiben, und der Nachbar lehnte sich über den Zaun und meinte zu dem Bauern: "Wenigstens muss dein Sohn nicht in den Krieg ziehen. Was für ein Glück!".
"Glück, Pech, ... wer kann das wissen?" antwortete der Bauer und wandte sich wieder seinem Pflug zu.
Als der Bauer und sein Sohn an dem Abend gemeinsam ihr Abendessen einnahmen, erstickte der junge Mann an einem Hühnerknochen.
Bei der Beerdigung legte der Nachbar dem Bauern mitleidig die Hand auf die Schulter und sagte: "Das war aber wirklich Pech!".
"Glück, Pech, ... wer kann das wissen?" war wieder die Antwort.
Und später in der Woche kam der Nachbar zu dem Bauern, um ihm mitzuteilen, dass die gesamte Einheit seines Sohnes im Krieg gefallen sei.
"Du konntest wenigstens bei deinem Sohn sein, als er starb.
Das war doch Glück!" meinte er tröstend.
"Glück, Pech, ... wer kann das wissen?"
Und damit schulterte der Bauer sein Bündel und machte sich auf den Weg zum Markt.
Und so weiter ...
(Verfasser unbekannt)



Der Zahnarzt



Nicht immer sind bequeme Stühle
ein Ruheplatz für die Gefühle.
Wir säßen lieber in den Nesseln,
als auf den wohlbekannten Sesseln,
vor denen, sauber und vernickelt,
der Zahnarzt seine Kunst entwickelt.
Er lächelt ganz empörend herzlos
und sagt, es sei fast beinah schmerzlos.
Doch leider, unterhalb der Plombe,
stößt er auf eine Katakombe,
die, wie er mit dem Häkchen spürt,
in unbekannte Tiefen führt.
Behaglich schnurrend mit dem Rädchen
dringt vor er bis zum Nervenfädchen.
Jetzt zeige, Mensch, den Seelenadel!
Der Zahnarzt prüft die feine Nadel,
mit der er alsbald dir beweist,
dass du voll Schmerz im Innern seist.
Du aber hast ihm zu beweisen,
dass du im Äußern fest wie Eisen.
Nachdem ihr dieses euch bewiesen,
geht er daran, den Zahn zu schließen.
Hat er sein Werk mit Gold bekrönt,
sind mit der Welt wir neu versöhnt
und zeigen, noch im Aug die Träne,
ihr furchtlos wiederum die Zähne:
Die wir – ein Prahlhans, wers verschweigt –
Dem Zahnarzt zitternd nur gezeigt.

Gefunden in: Der Wunderdoktor
Heitere Verse von Eugen Roth



Meißners Prosafabel Sonne und Wind


"Einst stritten sich Sonne und Wind:
wer von ihnen beiden der Stärkere sei?
und man ward einig: derjenige solle dafür gelten,
der einen Wanderer, den sie eben vor sich sahen,
am ersten nötigen würde, seinen Mantel abzulegen.
Sogleich begann der Wind zu stürmen; Regen und Hagelschauer unterstützten ihn.
Der arme Wanderer jammerte und zagte; aber immer fester und fester wickelte er sich in seinen Mantel ein, und setzte seinen Weg fort, so gut er konnte.

Jetzt kam die Reihe an die Sonne. Senkrecht und kraftvoll ließ sie ihre Strahlen herabfallen.
Himmel und Erde wurden heiter; die Lüfte erwärmten sich.
Der Wanderer vermochte nicht länger den Mantel auf seinen Schultern zu erdulden.
Er warf ihn ab und erquickte sich im Schatten eines Baumes, indes die Sonne sich ihres Sieges erfreute.
Zehnmal sicherer wirken Milde und Freundlichkeit, als Ungestüm und Strenge."

(August Meißners sämtliche Werke, Sechster Band: Fabeln, Fünftes Buch, 28. Fabel, S. 212–213. Wien, 1813)



Mein neuer Freund und Helfer

Durch Zufall kamst du mir ins Haus:
Von Herzen warst du mir ein Graus,
und lange hab' ich mich gewehrt
gegen Dein stummes Werben.
Dein Anblick hat mich schon gestört,
doch wollt' ich nicht verderben
des Freundes Langmut, und daher
hab' ich versucht, mich mehr und mehr
Dir anzunähern, probeweise.
Du wartest still und summst nur leise.
Nach einigen fatalen Pleiten.
die schuldlos schuldig Du ertragen,
wuchs mein Vertrau'n in Deine Kunst.
Von Neugier ließ ich mich verleiten,
dem Freund stellte ich viele Fragen:
Langsam gewannst du meine Gunst.
Mein neuer Freund , ich muss bekennen,
dass and're Dich "Computer" nennen.
Hab' ich auch viel Papier verschlissen,
nun möchte ich Dich nie mehr missen!
Du schenktest mir den Spaß am Spiel
mit Worten, Silben und dem Reim,
wozu ein Bleistift auch genügt
und Könnern mit dem besten Stil
die Feder reichte ganz allein!
Ich hoffe, daß den niemand rügt,
der Technik sich zum Freunde macht,
der nutzt, was andere erdacht
und damit in so mancher Nacht
Gedanken zu Papier gebracht.

von Irene Friedrich
aus
Das literatische Café, Baden-Baden




Der Adler, der nicht fliegen wollte

(von James Aggrey)
Ein Mann ging in den Wald, um einen Vogel zu fangen, den er mit nach Hause nehmen konnte.
Er fing einen jungen Adler, brachte ihn heim und steckte ihn in den Hühnerhof zu den Hennen, Enten und Truthühnern.
Und er gab ihm Hühnerfutter zu fressen, obwohl er ein Adler war, der König der Vögel.
Nach fünf Jahren erhielt er den Besuch eines naturkundigen Mannes.
Und als sie miteinander durch den Garten gingen, sagte der: "Dieser Vogel dort ist kein Huhn, er ist ein Adler!"
"Ja", sagte der Mann, "das stimmt.
Aber ich habe ihn zu einem Huhn erzogen.
Er ist jetzt kein Adler mehr, sondern ein Huhn, auch wenn seine Flügel 3 Meter breit sind."
"Nein", sagte der andere.
"Er ist immer noch ein Adler, denn er hat das Herz eines Adlers.
Und das wird ihn hoch hinauffliegen lassen in die Lüfte."
"Nein, nein", sagte der Mann, "er ist jetzt ein richtiges Huhn und wird niemals fliegen."
Darauf beschlossen sie, eine Probe zu machen.
Der naturkundige Mann nahm den Adler, hob ihn in die Höhe und sagte beschwörend:
"Der du ein Adler bist, der du dem Himmel gehörst und nicht dieser Erde: Breite deine Schwingen aus und fliege!"
Der Adler saß auf der hochgereckten Faust und blickte um sich.
Hinter sich sah er die Hühner nach ihren Körnern picken, und er sprang zu ihnen hinunter.
Der Mann sagte: "Ich habe dir gesagt, er ist ein Huhn!"
"Nein", sagte der andere, "er ist ein Adler.
Versuche es morgen noch einmal!"
Am anderen Tag stieg er mit dem Adler auf das Dach des Hauses, hob ihn empor und sagte:
"Adler, der du ein Adler bist, breite deine Schwingen aus und fliege!"
Aber als der Adler wieder die scharrenden Hühner im Hofe erblickte,
sprang er abermals zu ihnen hinunter und scharrte mit ihnen.
Das sagte der Mann wieder: "Ich habe dir gesagt, er ist ein Huhn!"
"Nein", sagte der andere, "er ist ein Adler, und er hat immer noch das Herz eines Adlers.
Lass es uns noch ein einziges Mal versuchen; morgen werde ich ihn fliegen lassen!"
Am nächsten Morgen erhob er sich früh, nahm den Adler und brachte ihn hinaus aus der Stadt,
weit weg von den Häusern an den Fuß eines hohen Berges.
Die Sonne stieg gerade auf, sie vergoldete den Gipfel des Berges,
jede Zinne erstrahlte in der Freude eines wundervollen Morgens.
Er hob den Adler hoch und sagte zu ihm: "Adler, du bist ein Adler.
Du gehörst dem Himmel und nicht dieser Erde.
Breite deine Schwingen aus und fliege":
Der Adler blickte umher, zittert, als erfülle ihn neues Leben;
aber er flog nicht.
Da ließ ihn der naturkundige Mann direkt in die Sonne schauen.
Und plötzlich breitete er seine gewaltigen Flügel aus, erhob sich mit dem Schrei eines Adlers, flog höher und höher und kehrte nie wieder zurück.


Die Geschichte "Der Adler" hat James Aggrey aus Ghana in West-Afrika geschrieben.
Sie endet eigentlich mit den Sätzen:"Völker Afrikas!
Wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, aber Menschen haben uns beigebracht, wie Hühner zu denken und noch denken wir, wir seien wirklich Hühner.
Aber wir sind Adler.
Darum breitet Eure Schwingen aus und fliegt!
Und seid niemals zufrieden mit den hingeworfenen Körnern."

Als James Aggrey diese Geschichte schrieb,
waren noch alle Länder Afrikas unter der Herrschaft der Europäer,
der Weißen.
Und viele dieser Europäer sagten das ganz offen.
Viele Afrikaner glaubten das schließlich, weil sie nicht so mächtig waren
wie die weißen Herren und eine andere Hautfarbe hatten.
Eigentlich hatten sie keinen Grund, sich minderwertig zu fühlen.
Denn sie hatten eine wunderbare eigenen Kultur, einen großartige Geschichte
und viele Kunstwerke in allen Teilen des Kontinents.
Das aber geriet in der Zeit der Herrschaft der Weißen in Vergessenheit.
Solchen vergesslichen Afrikanern hat James Aggrey diese Geschichte erzählt,
damit sie sich an das wirkliche Afrika erinnern und wieder an die Zukunft glauben.
Aber die Geschichte gilt auch für andere Völker und für alle Menschen, die in der Gefahr sind,
zu vergessen, dass sie nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurden,
dass die Adler sind und keine Hühner.

James Aggrey ist 1927 gestorben.
Seine Geschichte hat Alfons Michael Dauer aus dem Englischen übersetzt.
Das Buch "Der Adler, der nicht fliegen wollte"
ist im Peter Hammer Verlag
mit Bildern von Wolf Erlbruch erschienen.



Eure Kinder sind nicht eure Kinder

Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Khalil Gibran, arabischer Dichter, 1883-1931